Forschung

Forschungsprojekte des Lehrstuhls

Leitlinien der wissenschaftlichen Arbeit
Der Lehrstuhl vertritt das Römische Recht, die Rechtsvergleichung sowie das gesamte Spektrum des Bürgerlichen Rechts in Forschung und Lehre. Ausgehend von der schwerpunktmäßigen Beschäftigung mit der historischen Wurzel aller kontinentaleuropäischen Rechtsordnungen, dem Römischen Recht, umfasst die wissenschaftliche Behandlung des geltenden deutschen wie der kontinentaleuropäischen Rechte mehr als nur die Inhalte der jeweiligen Fächer. Gerade die Verknüpfung des auf der Idee der Privatautonomie fundierten romanistischen Ansatzes mit einer rechtsvergleichenden Perspektive versteht das Privatrecht als zeitloses, allgemein menschliches Phänomen, das innerhalb der Gesamtrechtsordnung das fundamentale Instrument zur Befriedigung individueller Interessen und zur Bewältigung sozialer Konflikte darstellt. Dieses individualistische, grundlegende und zugleich universale Verständnis des Privatrechts sowie die Erforschung seiner Gestaltungsmöglichkeiten sind der Schlüssel des rechtstheoretischen und methodologischen Schwerpunkts des Lehrstuhls.
Somit steht der Lehrstuhl in der Tradition des Verständnisses des Rechts als gesamten, auf sozioökonomischen Wechselwirkungen basierten Phänomens (Kunkel, Nörr) und knüpft insoweit an die Arbeit der vorherigen Lehrstuhlinhaber Univ.-Prof. Dr. Günther Jahr und Univ.-Prof. Dr. jur. Dr. phil. Alfons Bürge an, die beide, jeder auf seine Weise, die rechtshistorische und rechtsvergleichende Behandlung des Privatrechts mit modernen wirtschaftsrechtlichen und methodenrechtlichen Fragestellungen verknüpft haben.

Überblick über die wichtigsten Forschungsgebiete

Antike Sklaverei – zwischen Status- und Wirtschaftsrecht: Ein erster Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt auf der Erforschung der römischen Sklaverei. Neben einer Vielzahl von Monographien, Einzelaufsätzen und Lexikonartikeln, die im Laufe der letzten Jahre entstanden sind (siehe Schriftenverzeichnis), befindet sich eine Kommentierung der römischen Rechtsquellen betreffend die „sogenannten“ Sklavenberufe in der Endphase. Die Kommentierung ist Teil eines sehr umfassenden Projekts der Akademie der Wissenschaften zu Mainz, des „Corpus der römischen Rechtsquellen zur Antiken Sklaverei“, dessen Mitherausgeberin die Lehrstuhlinhaberin ist. Das Phänomen der Sklaverei war mit seinen mannigfaltigen juristischen und sozialen Aspekten Gegenstand mehrerer Seminare. Es handelt sich zunächst um ein statusrechtliches Problem des antiken Personen- beziehungsweise Familienrechts, geht über dieses aber weit hinaus. Wegen der eminent wichtigen wirtschaftlichen Bedeutung der Sklaverei und der Sklaven selbst haben die römischen Juristen vielfältige Mechanismen zur faktischen Überwindung der juristischen Unfreiheit entwickelt. Diese Rechtsinstitute haben zwar im Laufe der Geschichte ihre statusrechtlichen Bezüge verloren, sind aber bis heute aus den europäischen Gesetzbüchern nicht hinweg zu denken – so stellt beispielsweise die GmbH auch „nur“ eine Fortentwicklung eines im Sklavenrecht entwickelten Gedankens der vermögensmäßigen Haftungsbeschränkung dar.

Integration als privatrechtliches Problem: Ein weiteres zentrales Betätigungsfeld der innovativen Arbeit der römischen Juristen war das „Ausländerrecht“. Das nur für die Stadt Rom geltende Zivilrecht bedurfte spätestens ab dem Zeitpunkt, zu dem aus dem kleinen Dorf am Tiber ein Weltreich geworden war, der Weiterentwicklung. Die unabdingbare Einbeziehung von Peregrinen in das Wirtschaftsleben einer multiethnischen Gesellschaft und die einheitsstiftende Wirkung des Privatrechts mag man aus heutiger Sicht als beeindruckende Integrationsleistung der römischen Juristen begreifen. Gleichzeitig entstanden hier die wichtigsten Rechtsinstitute des heutigen Vertrags- und Wirtschaftsrechts. Die Erforschung dieser Zusammenhänge sowie der Arbeitsmethode der Juristen als Schöpfer von Rechtsinstituten, die über die Jahrhunderte hinweg alle europäischen Rechtsordnungen geprägt haben, vermittelt letztlich die umfassende Bedeutung des Privatrechts als integratives, ordnungs- und einheitsstiftendes Instrument innerhalb einer Gemeinschaft. Sie dient aber auch der Ausarbeitung von sozialen und juristischen Modellen für unsere immer heterogener werdende Gesellschaft. Dieser Themenbereich ist wiederholt Gegenstand von Aufsätzen (siehe Schriftenverzeichnis) sowie einer methodologisch geprägten Habilitationsschrift zu den Wechselwirkungen von antiker Rhetorik und Jurisprudenz gewesen, die in den Jahren 2008/2009 auch von der DFG gefördert wurde. (Deren Verfasserin wurde inzwischen als Ordinaria nach Zürich berufen). Privatrecht und Menschenrechte: Ausgehend vom antiken Sklaven- und Ausländerrecht liegt ein weiterer Forschungsschwerpunkt auf dem Verhältnis von Privatrecht und Menschenrechten im weitesten Sinne. Wurde in der Antike der Schutz des Einzelnen noch durch zivilrechtliche und zivilprozessuale Rechtsinstitute gewährleistet, verlagerte sich dieser im Zuge der Aufklärung und des Konstitutionalismus mehr und mehr auf das Verfassungsrecht und die privatrechtlichen Mechanismen wurden vernachlässigt. Deren Bedeutung steht dagegen im Vordergrund der wissenschaftlichen Tätigkeit der Lehrstuhlinhaberin wie mehrerer betreuter Dissertationen zu Fragen des Bürgschafts-, des Minderjährigen- und des Familien- und Erbrechts.

Bereicherungsrecht als europäisches Problem: Auch das Bereicherungsrecht nimmt einen besonderen Platz in Forschung und Lehre ein. Geht es hier um das ,,suum cuique tribuere“ und damit, wie auch der BGH formuliert, um Billigkeit, stehen neben den sozio-ökonomischen Implikationen vor allem die juristisch-technischen Lösungsansätze in Vergangenheit und Gegenwart im Zentrum der Forschung. Die Entwicklung von der römischen actio de in rem verso als einer Klage aus dem Sklavenrecht mit geschäftsbesorgungsrechtlichen Anklängen über die gemeinrechtliche Versionsklage bis hin zu der französischen action de in rem verso und dem deutschen Kondiktionensystem bewegt sich zwischen rechtstechnischen Erwägungen, ökonomischen Erfordernissen und elementaren Gerechtigkeitsfragen. Zu diesem Thema hat die Lehrstuhlinhaberin ihre Habilitationsschrift (siehe Schriftenverzeichnis) verfasst mit einer Arbeit, die bereits in 2. Auflage gedruckt wurde und eine fast hundertjährige Literaturlücke geschlossen hat.

Schenkungsrecht als juristisch-soziales Phänomen: Als neuestes Projekt steht das Schenkungsrecht in Form einer Kommentierung in „dem“ Standard-Kommentar zum Zivilrecht, dem „Staudinger“, im Zentrum der Forschung. Mehr als bei anderen Schuldverträgen ist die Schenkung vor allem auch ein soziales Phänomen, bei dem menschliche Bindungen mehr im Vordergrund stehen als rechtliche. Die Normierung der Schenkung, von der misstrauischen Haltung des römischen Rechts gegenüber unentgeltlichen Zuwendungen, die sich bis heute in den romanischen Ländern fortsetzt, bis zum Umgang mit nichtehelichen Lebensgemeinschaften fordert das Privatrecht in seiner umfassenden Dimension, fördert es aber auch. Der genannte Band ist mittlerweile erschienen und wird fortgesetzt aktualisiert.

Rechtsentwicklung im Ausland: Schon die Personalunion zwischen der Lehrstuhlinhaberin und der Auslandsbeauftragten der Fakultät bedeutet wegen des rechtsvergleichenden Schwerpunkts besondere Synergieeffekte. Neben der Zusammenarbeit in Forschung und Lehre mit führenden Universitäten in Italien (Pavia, Catania, Parma, Neapel), Spanien (Madrid Complutense, Baskenland, Tarragona), Israel (Tel Aviv Bar-Ilan), Russland (Wolshskij) und Japan (kaiserliche Universitäten in Kyushu und Kyoto) wurde kürzlich ein weiteres Projekt mit der Universität Tblissi (Georgien) in die Forschungstätigkeit einbezogen. Durch den Austausch von Forschern, Dozenten und Studierenden beider Universitäten soll hier ein Beitrag zur Weiterentwicklung des georgischen Privatrechts geleistet werden. Wegen der Verwurzelung des dortigen Privatrechts in der europäischen und v. a. deutschen Tradition knüpft diese Aufgabe an die rechtshistorische, rechtvergleichende und rechtmethodologische Ausrichtung der Privatrechtsforschung des Lehrstuhls nahtlos an. Aus dieser Verbindung ist bereits eine rechtsvergleichende Dissertation zum georgischen Bereicherungsrecht hervorgegangen. Als Zweige dieses Problemkreises ist die Erforschung von Prozessen der europäischen Ordnungsbildung zu betrachten, die im Zentrum der Forschung der nächsten Jahre stehen wird. Die Untersuchung der Genese des europäischen Rechts unter dem Blickwinkel der umfassenden Dimension des Privatrechts wird durch die Rechtsvergleichung der wichtigsten europäischen Rechtsordnungen auf der Basis ihrer romanistischen Herkunft durchgeführt. Durch die Feststellung von Ähnlichkeiten und Unterschieden sowie der historischen Gründe soll mittelfristig die Vorlage eines einheitlichen europäischen Zivilrechts erarbeitet werden.

Prozessrecht als Schlüssel zum Verständnis einer Rechtsordnung: Das Bestreben, eine Rechtsordnung in seiner Gesamtheit erfassen zu wollen, um sich ein Urteil von ihren Besonderheiten zu bilden und sie anschließend mit anderen Rechtsordnungen zu vergleichen, kann nicht auf der Stufe des materiellen Rechts verharren, denn allzu oft entfalten privatrechtliche Institute ihre besondere Wirkungsweise erst im Wechselspiel mit ihrer prozessualen Durchsetzung. Das gilt im Besonderen für das Römische Recht mit seiner actionen-rechtlichen Sichtweise, gewährt aber auch besondere Einblicke in die Rechtswirklichkeit moderner Rechtsordnungen. Dieser spezifisch prozessuale Blickwinkel begleitet die Lehrstuhlinhaberin schon ihre gesamte wissenschaftliche Laufbahn (siehe Schriftenverzeichnis) und prägt ihre Forschungstätigkeit bis heute. Er ist Gegenstand eines aktuellen Promotionsvorhabens, das Widersprüche zwischen materiell-rechtlichen und prozessualen Haftungsregimen untersucht.